Das Haus in den Sternen

Das Haus in den Sternen zerfällt zu Staub,
weil du dich nie darum gekümmert hast.
Du hättest in deinen Träumen wohnen können,
wenn du nicht vorher ausgebrannt wärst
um auszubrechen in eine dunkle Welt,
von der du dir allzu viel versprochen hast.

Keiner sieht dich mehr, sieht mehr nach dir,
weil du verlernt hast, dich zu sehen.
Du warst ein Kind, niemals sternenblind,
doch jetzt so verloren, zu spät zu verstehen.
Ich wollte dir ein Leben dichten,
doch du wolltest es nicht.
Ich bin der Erschaffer aller Geschichten,
doch du hast mir den Stift
aus den Händen genommen,
konntest nicht genug bekommen,
dabei hast du den Stift zerbrochen
und alle schwarze Tinte ist in dein Leben getropft.

Das Haus in den Sternen bleibt unbewohnt,
kennt keine Sternstunden, ist ohne Ton,
ohne Melodie, schweigt für immer und nie.

Von Fischen und Aquarien

Bin in alle Aquarien eingetaucht
um der Fisch zu werden,
der es mir bestimmt war zu sein.
Doch jedes Mal ist das Glas gebrochen
und der Wasserverlust jeder kleinen Welt war so immens,
dass alle Fische schnell gerettet werden mussten
und ich ganz bedröppelt war,
denn ich hatte ja alles versucht
und konnte dennoch nicht mitschwimmen.

Den Kopf unter Wasser zu halten brach mir die Lunge
und verwattete meine Ohren,
sodass zu allem, was ich jemals gehört hatte,
nichts Neues mehr hinzukam.
Für einen Moment ist alles ganz leicht,
dann folgt der Wasserdruck, dann der Atemdruck,
dann der Panikmoment, dann das Ausbrechen
mit einem riesigen Krach.

Ein weiser Mensch sagte einmal zu mir,
dass es Unsinn ist, mitschwimmen zu wollen,
wenn man es nicht kann.
Nach dem 23290579. zerbrochenen Aquarium wusste ich,
dass er recht hatte.

Seitdem bin ich Vogel der Lüfte.

 

 

Gestohlene Worte

Den Tag, an dem du mir meine Worte gestohlen hast,
habe ich bis heute nicht vergessen.
Aber ich habe neue Sprachen gelernt,
habe Wörter- und Grammatikbücher gewälzt
und versucht, all dem einen Sinn zu geben,
hinter dem nach ausufernder Recherche noch immer kein Sinn besteht.
Mit dem Auslöschen meiner Sprache
hast du meine Erinnerung eingefroren.
Ich war genau dieselbe und doch abgrundtief anders.
Habe versucht, mich zu lesen,
doch auch das hatte ich verlernt.

Schließlich habe ich neue Worte gefunden
und ihnen einen neuen Klang gegeben.
Auch wenn diese Worte schon einmal
in meinem Wortschatz gelegen haben könnten,
erinnere ich mich nicht mehr, das ist alles so lange her.

Manchmal höre ich sie noch, fremde Zungen,
die wie Schlangen bedrohlich auflauern,
doch ich höre nicht mehr hin.
Wiederhole zur Beruhigung immer wieder
dieselben Worte in meinem Kopf:
nicht schuldig, nicht schuldig, nicht schuldig.

Baumhaus

In meinen Träumen hab ich tausendmal in diesem einen Baumhaus gewohnt. Jedes Mal, wenn ich aufwachte, haben sie mir gesagt, ich rede Unsinn, was denn überhaupt ein „Baum“ sei, doch dann hat ein sehr alter Mann sich an sein grauweißes Haar gefasst und begonnen, für einige Sekunden zu grübeln. Mit papierner Stimme hat er gewispert, dass es früher einmal in einer anderen Zeit solch hoch gewachsene Geschöpfe gab mit grünen Kronen. Sie waren alle die Könige ihrer Wälder. Doch dann wurden sie verwunschen. Die Menschen sind gekommen mit Feuer und Geiz und Gier. Bäume sind selten geworden und die meisten Menschen erinnern sich nicht einmal mehr an ihre Namen – Ahorn, Linde, Kiefer, Espe, Tanne. Dann das Nichts – der Schatten der Vergessenheit. Aber ich kann nicht vergessen. Jedes Mal, wenn ich schlafen gehe, weiß ich, dass es mir bestimmt ist, in dieser Welt zu verweilen, solange ich kann. In diesen Träumen will ich meinen Mitmenschen klar machen, dass sie diesen Planeten beschützen müssen. Ich will schreien, doch ich kann nicht in das Traumgeschehen eingreifen und bleibe stumm wie ein ertrinkender Fisch, weil schon längst geschehen ist, was absehbar war. Warum bin nur ich der einzige Mensch, der aufwacht?

Gestern, heute, morgen

Heute ist der Tag, an dem du fragst,
was eigentlich gestern so war,
doch du kannst dich nicht erinnern,
deine Erinnerungen verschwimmen
in einer riesig großen Regenpfütze.

Gestern war der Tag, an dem du gesagt hast,
dass du morgen alles anders machen wolltest,
dass du jeden deiner Momente von nun an vergoldest,
und dass du auf Abenteuerreise gehst;
dann bist du schlafen gegangen.

Heute ist schon morgen, der Tag, an dem du vergessen hast,
was vorgestern war, weil du gestern nicht gelebt hast.

Anfang und Ende

Man sagt, dass jedes Ende auch immer  ein Anfang ist.
Du musst zuerst loslassen um etwas Neues zu entfachen,
darauf brennen, etwas Altes den Flammen zu übergeben
und etwas Neues zum Glühen zu bringen.

Wir lieben unsere kostbaren altgeschmiedeten Eisen
und würden unsere Hand dafür ins Feuer legen,
ungeachtet dessen, dass wir uns zu oft verbrennen
und es vielleicht Zeit ist, ein neues Feuerwerk zu zünden
voller Farben, Wunder und Schönheit,
voller Zauber und Träumefunkeln.

Der kniffligste Gegner, den wir dabei überwinden müssen,
ist Angst. Angst davor, dass nichts als Asche für uns bleibt.
Nur die Asche, nicht der Phönix.

Du aber bist der Phönix. Feuer kann dir nichts anhaben.
Jede Hitzewelle ist dein Rückenwind,
jedes Feuerknistern ist der Soundtrack deines Leben,
jeder Ascheregen kräftigt dein Gefieder
und mit jedem Flügelschlag hast du die Macht,
deine Welt zu verändern.

Und wenn du mal am Ende bist, ist es nie das Ende,
denn dein Ende ist immer auch ein Anfang.
Jedes Auf Wiedersehen ist dein Hallo.
Sei mutig und erfinde dich immer wieder neu.

Und wenn du mal an mich denkst,
schicke mir eine deiner Phönixfeden,
damit ich mit dir fliegen kann.

Du fehlst mir.

Fahrradkette

Ich bin, wie ich bin,
auch wenn ich an manchen Tage leugne,
dass ich das bin,
was ich nicht sehe,
das du manchmal in mir siehst.
Manchmal ist heimliches Erblinden
eine Brücke zum ungesagten Nichtssein.
Manchmal fühlt es sich frei an,
anders zu sein.

An anderen Tagen rostet die Fahrradkette,
aber auch das ist okay.